Graue Energie im Fokus: Kriens fördert das Bauen im Bestand
Nicht alles, was neu ist, ist nachhaltiger. Wer Gebäude weiterentwickelt statt abreisst, spart Energie, Ressourcen und oft auch Kosten. Die Stadt Kriens will diesen Ansatz künftig stärker fördern – mit konkreten Massnahmen in der Ortsplanung.
Der Gebäudesektor gehört zu den zentralen Hebeln im Klimaschutz. Lange lag der Fokus vor allem auf dem Energieverbrauch im Betrieb – also auf Heizung, Warmwasser oder Strom. Zunehmend rückt jedoch ein weniger sichtbarer, aber entscheidender Faktor in den Vordergrund: die sogenannte graue Energie. Darunter versteht man die gesamte Energie, die für die Erstellung eines Gebäudes benötigt wird – von der Gewinnung der Rohstoffe über die Herstellung der Materialien bis hin zum Bau selbst. Wird ein Gebäude abgerissen, geht die Energie, welche in der bestehenden Substanz steckt, verloren.
«Heute braucht die Erstellung eines Gebäudes oft mehr Energie als während des späteren Betriebs», erklärt der Krienser Energiefachmann und Unternehmer Jonas Meyer. «Darum lohnt es sich aus ökologischer Sicht, bestehende Gebäude möglichst zu erhalten und weiterzuentwickeln.» Diese Erkenntnis steht im Zentrum seiner Masterarbeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Am Beispiel von Kriens zeigt Meyer auf, wie Städte den Umgang mit ihrem Gebäudebestand aktiv steuern können. Denn obwohl Fachleute den Erhalt gegenüber dem Ersatzneubau häufig als nachhaltiger beurteilen, dominiert in der Praxis noch oft der Abriss. Gründe dafür sind fehlende wirtschaftliche Anreize für einen Erhalt sowie eine komplizierte Planung.
Erhalt heisst nicht Stillstand
Dabei bringt das Weiterbauen am Bestand gleich mehrere Vorteile mit sich. «Neben den ökologischen Aspekten bleibt auch die architektonische Vielfalt eines Ortes erhalten», so Meyer. «Und häufig sind die Mieten nach einer Sanierung tiefer als nach einem Ersatzneubau.» Gleichzeitig betont er: «Erhalt heisst nicht Stillstand – Aufwertungen, Erweiterungen oder auch Teilabbrüche können sinnvoll sein.»
Auch auf nationaler Ebene setzt die Raumplanung auf Innenentwicklung, um der Zersiedelung entgegenzuwirken. Ziel ist es, den Boden sparsamer zu nutzen und das Siedlungsgebiet nach innen zu verdichten. Die Frage nach dem Umgang mit bestehender Bausubstanz wird damit zu einer zentralen Aufgabe für Städte und Gemeinden.
Verankerung in der Ortsplanung
Kriens greift dieses Thema auf und will im Rahmen der laufenden Ortsplanungsrevision (OPR) mit einem Artikel im Bau- und Zonenreglement den Erhalt von Gebäuden gezielt fördern. Wer bestehende Strukturen weitgehend weiterverwendet, soll künftig von einem Bonus bei der Überbauungsziffer profitieren. «Die Stadt kann damit bewusst Anreize schaffen, den Bestand zu nutzen, statt ihn zu ersetzen und die Bauherrschaft kann von einer höheren Ausnutzung profitieren», sagt Meyer. Die konkrete Ausgestaltung dieses Instruments ist derzeit in Arbeit. Dabei geht es unter anderem um die Frage, wie «Bestandeserhalt» genau definiert wird und welche Nachweise erbracht werden müssen. Stadtrat Maurus Frey, der die Arbeiten an der OPR begleitet, betont die Bedeutung praxistauglicher Lösungen: «Wir wollen einfache und umsetzbare Regeln schaffen. Entscheidend ist, dass der Umgang mit grauer Energie einbezogen wird, ohne die Planung unnötig zu verkomplizieren. Aber sicherlich betreten wir hier ein für die Bauindustrie noch weitgehend unbekanntes Terrain. »
Neben regulatorischen Ansätzen setzt die Stadt auch auf bestehende Förderinstrumente. So unterstützt Kriens im Rahmen des Förderprogramms Energie und Klima seit Mai dieses Jahres Machbarkeitsstudien für Umbauten, Erweiterungen oder Aufstockungen von Gebäuden. Gemäss der entsprechenden Verordnung werden solche Abklärungen finanziell unterstützt. Sie helfen Eigentümerinnen und Eigentümern, fundierte Entscheidungen zu treffen – und prüfen frühzeitig, ob ein Weiterbauen am Bestand sinnvoll ist.
Bestand gewinnt an Bedeutung
Für Meyer ist klar: «Der Bestand wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen.» Nicht zuletzt, weil neue Bauzonen kaum mehr möglich sind und die vorhandenen Ressourcen besser genutzt werden müssen. Der Umgang mit grauer Energie wird damit zu einem wichtigen Kriterium für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Die Richtung ist vorgegeben: Weniger Abriss, und mehr innovative und spannende Bauprojekte am Bestand sollen die Stadt bereichern.